Jungunternehmenforum

Kann man Lesen verbessern?

14. Oktober 2022

Es gibt Dinge, die lassen sich nicht neu erfinden. Wie Feuer. Und das Rad. Und das Lesen. Oder? Renato Casutt von Bionic Reading hat sich genau dieser Frage-stellung angenommen. Und einen Weg gefunden, wie sich das Lesen optimieren lässt. Das Feedback von Nutzerinnen und Nutzern auf der ganzen Welt hat ihn dazu bestärkt, sich zu 100% auf Bionic Reading zu konzentrieren.

von Fabio Aresu


Die Idee hinter Bionic Reading ist faszinierend einfach: Wenn wir lesen, setzt unser Hirn nicht alle einzelnen Buchstaben zu einem Wort zusammen, sondern hat sich die Form des Wortes gemerkt, und sieht das Wort quasi als Bild mit Bedeutung. Somit lässt sich also nicht das Lesen an sich optimieren, sondern es vereinfacht die Aufnahme der Wortbedeutung für unser Hirn. Dies geschieht mit Bionic Reading durch den gezielten Einsatz von unterschiedlichen Schriftdicken innerhalb eines Wortes, was den «Wortbildern» wiederum mehr Struktur und Ordnung verleiht. Aber wie kommt man auf so eine Idee?

Am Anfang stand «Der Goalie bin ig»

Renato Casutt wurde im Jahr 2009 in der Schule für Gestaltung in Zürich mit einem Gestaltungswettbewerb konfrontiert, das Buch «Der Goalie bin ig» von Pedro Lenz zu gestalten. Dabei hat er gemerkt, dass er als Bündner für den konsequent in Berndeutsch geschriebenen Text fast doppelt so lange zum Lesen und Verstehen braucht. «Ich habe mich gefragt, weshalb das so ist, und begonnen zu recherchieren. Dabei bin ich darauf gestossen, dass unser Hirn nicht im eigentlichen Sinne liest, sondern die Fragmente im Hirn umwandelt. Das hat mich auf Anhieb fasziniert», meint Renato Casutt.

Ein grosse Hilfe für Menschen mit Lesedefiziten

Erst viel später aber hat er die Idee wieder aufgenommen. «Vor ein paar Jahren hat mich meine Frau nebenbei gefragt, was aus der damaligen Idee geworden sei. Und da hat es mich dann wieder gepackt.» Und dieses Mal richtig. Er hat die Idee wieder aufgenommen, weiter und tiefer recherchiert und die Idee des «Bionic Reading» entwickelt. Der erste Ansatz war, dass dadurch einfach schneller gelesen werden kann. Relativ rasch stellte sich dann aber bei Tests heraus, dass Menschen mit Lesedefiziten den grössten Nutzen daraus ziehen. Die positiven Feedbacks von Probandinnen und Probanden mit ADHD / ADHS, Dyslexie und Legasthenie waren enorm. Aber auch Weniglesende können überdurchschnittlich profitieren.

Weltweit auf Resonanz gestossen

2020 hat Renato Casutt mit Bionic Reading ein Startup gegründet und arbeitet zu 100% zusammen mit einigen Entwicklern aus Graubünden und dem Vorarlberg an der permanenten Verbesserung des Systems. Auf TikTok haben Videos zum Teil über 8 Millionen Views erreicht, das Interesse ist nach wie vor sehr gross. Das Royal College of Art in London hat über seine Kanäle Bionic Reading einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht, das World Economic Forum einen Film darüber publiziert. Aktuell konzentriert sich Bionic Reading auf Online-Anwendungen, da hier das System auf individuelle Lesegewohnheiten angepasst werden kann und auf diese Weise das volle Potenzial entfaltet.

Die Herausforderung der Skalierung

Die grösste Herausforderung liegt dabei in der Finanzierung der Skalierung. Denn auch wenn sich das System technisch problemlos in sämtliche Browser und auf allen Readern installieren liesse, muss die Finanzierung in Vorhinein gesichert sein. Hier laufen schon Gespräche mit namhaften Anbietern, «aber der Tanz auf dem internationalen Parkett ist enorm schwierig und aufwändig», meint Renato Casutt. Internationale Lizenzen zu schützen sei sehr kostenintensiv aber absolut zwingend, damit die Idee nicht einfach kopiert werden kann. Trotzdem ist er optimistisch, weil grosse Anbieter ihr Interesse an der Lösung angemeldet haben. Übrigens: Den Gestaltungswettbewerb für den Goalie hat Renato damals nicht gewonnnen. Dafür von Chur aus das Lesen revolutioniert.

Preisverleihung an der 10. Founders-Night

Die nächste Founders-Night findet am 26. Oktober 2022 in der Aula der ibW Höhere Fachschule in Chur statt. Renato Casutt buhlt im Startup-Duell um den Founders Award 2022. Seine Konkurrenten sind die Meisser Vermessungen AG mit der luftbildgestützten Flussbildvermessung sowie der Uhrenmacher Mario Scarpatetti. Das Preisgeld beträgt 3000 Franken. Ausserdem zeichnen Integra, Oblamatik und CSEM das beste Bündner Tech-Startup des Jahres aus. Tickets gibt es unter jungunternehmenforum.ch.

Wer mitbestimmen will, wer den Founders-Award mit nach Hause nimmt, hat mit dem vorgängigen Publikumsvoting die Gelegenheit dazu. Diese Stimmen tragen zu einem Drittel zur Entscheidung bei. Mitmachen geht ab dem 14. Oktober 2022 per SMS oder WhatsApp-Nachricht mit dem Namen des Startups an +41 79 821 53 22. Teilnahmeschluss ist der Sonntag, 23. Oktober 2022, 23.59 Uhr. Pro Handynummer zählt nur eine Stimme!

Weitere Informationen und Videoporträts zu den Finalisten sind hier zu finden: www.jungunternehmenforum.ch/voting.html